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Presse

In der Saarbrücker Zeitung wurde am 29.03.2003 folgender Artikel veröffentlicht, damals wusste noch niemand von dem anderen Täter V., es war kurz nach der Verhandlung gegen M.

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"Ich dachte, dass ich selber schuld sei - nicht er"

Sandra wurde drei Jahre lang sexuell missbraucht - Der Täter zahlte ein Schmerzensgeld in Höhe von knapp 1280 Euro

- von Renate Iffland -

Man lindert oft sein Leid, indem man es erzählt. Dieser Satz von Pierre Corneille begleitet das Leben der 24-jährigen Sandra. Die dunkelhaarige junge Frau hat schon jede Menge Leid erlebt. Als sie noch klein war, ist sie über drei Jahre sexuell missbraucht worden. Und hat beschlossen, ihr Schweigen zu brechen. Vor etwa zweieinhalb Jahren hat sie den Täter - einen Freund der Familie, 22 Jahre älter als sie - angezeigt. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken sprach ihn frei, obwohl er geständig war. Der Knackpunkt war die Frage, ob Sandra zum Zeitpunkt der Tat schon 14 Jahre alt war oder noch nicht - ob sie noch ein Kind war oder nicht mehr - das konnte nicht bewiesen werden. Und ob sie sich ausreichend gewehrt hat. "Gedroht hat er nicht, aber mir eingeredet, dass ich das alles selbst wolle und ich es auch schön finden würde - was nicht der Fall war. Aber dadurch entwickelten sich die Schuldgefühle. Ich dachte, dass ich die Schuldige bin und nicht er", erzählt Sandra


Das Resümee des Gerichts, nachzulesen im Internet: "So bleibt letzten Endes die Erkenntnis, dass der Angeklagte die Freundschaft und das Vertrauen der Familie in unerhörter und verabscheuungswürdiger Art und Weise missbraucht und zur Befriedigung seiner sexuellen Triebe genutzt hat. Die Erfüllung eines Straftat-Bestandes lässt sich gleichwohl nicht sicher feststellen, sodass die zwangsläufige - und für das Gericht absolut unbefriedigende - Folge der Freispruch des Angeklagten war."


Die Gerichtsverhandlung war sehr schwer für Sandra. Obwohl sie keine detaillierten Aussagen mehr zu den sexuellen Handlungen machen musste, da der Täter ja geständig war. Deshalb habe niemand wirklich verstehen können, was damals vor sich gegangen sei, sagt die 24-Jährige tonlos und schaut unter sich. Wer sie so dasitzen sieht, diese fragile junge Frau, fragt sich, wie sie die Konfrontation mit dem Täter und den gesamten Prozess durchstehen konnte. "Ich wollte ihn sehen", sagt Sandra. Ihre Anwältin Claudia Willger-Lambert ging nach dem Freispruch in die Berufung. Und vor der Verhandlung vor dem Landgericht stand dann ein Vergleich im Raum. "Der Richter meinte, dass die Chancen, ihn zu verurteilen, sehr gering seien." Der Täter zahlte also Schmerzengeld - in einer Höhe von 1278,23 Euro. "Das passierte einem Mann, der mein Leben zerstörte", klagt Sandra an.


Doch sie klagt nicht laut, mit erhobener Stimmer, sondern beherrscht, beinahe regungslos. Regungslos auch ihre Mine, als sie von ihren Gefühlen spricht, die sie momentan befallen, wenn sie vom kleinen Pascal liest: "Ich habe es die ganze Zeit schlimm gefunden, dass die Medien vorher gar nicht darüber berichtet haben - das ganze Thema hat immer nur am Rande stattgefunden. Und als dann die Leute verhaftet worden sind, war das für mich sehr aufwühlend."


Ihre Gefühle verarbeitet die junge Frau auf ihre ganz eigene Art und Weise - sie geht an die Öffentlichkeit. Sie hat eine eigene Homepage gestaltet, auf der sie detailliert über ihren Fall berichtet. "Als ich damals meine Anzeige gemacht habe, wusste ich gar nicht, was auf mich zukommt und habe auch im Internet nur sehr wenig dazu gefunden. Vor allem gab es keine Betroffenen, die mal erzählt hätten, wie das abläuft. Damals habe ich mich entschlossen, selbst eine Homepage zu machen. " Interessierte können Informationen über den Umgang mit Missbrauch oder das so genannte Borderline-Syndrom finden. Betroffene können sich in einem passwort-geschützten Raum unterhalten, Gedichte schreiben, ihrem Zorn in einer Wut-Ecke Luft machen. Das hilft, ist Sandras Erfahrung, denn: "Auch ich bin immer noch wütend." Und die Resonanz ist überwältigend: In den zwei Jahren, seit Sandra beinahe ihre komplette Freizeit in diese Seite steckt, haben rund 40. 000 User - meist aus Deutschland - ihre Page besucht. "Ich versuche, einen Raum zu schaffen, in dem es möglich ist, sich zu öffnen", erklärt Sandra. Und hat das auch geschafft. Uta, Carola, Stefan und Maria schildern ihre Leidens-Geschichte, andere ermuntern die 24-Jährige einfach nur dazu, weiterzumachen.


Und Sandra macht weiter, mit ihrer ganzen Kraft. Und geht noch einen Schritt weiter - sie will zusammen mit P M von WCI einen eigenen Verein gründen und Informationen für Betroffene zur Verfügung stellen, Anlaufstelle sein. Geplant ist unter anderem auch eine Online-Therapie. "Wir wollen weiter aufklären. Ich wette, dass jeder Mensch einen Betroffenen von sexuellem Missbrauch kennt. Vor allem die Opfersicht muss gezeigt und erklärt werden", sagt sie. Ein professioneller Weg parallel zu Sandras ganz eigenem, privatem Weg mit der Homepage.

Dieser private Weg führte sie auf einen neuen beruflichen Pfad - Sandra will eine Umschulung machen zur Webdesignerin. Und plötzlich ist die 24-Jährige nicht mehr regungslos: Ihre Augen strahlen, als sie davon spricht, wie es mit ihr weitergehen soll. Sogar ein kleines Lächeln huscht über das Gesicht der jungen Frau, die sich selbst als Einzelgängerin bezeichnet. In einem Praktikum, das sie grade hinter sich gebracht hat, hat sie ihre Seite neu gestaltet, die im Rahmen eines Wettbewerbs zur Homepage 2002 gewählt wurde. Kundenkontakt, erzählt die gelernte Bäckerei-Fachverkäuferin, ist nicht wirklich ihres. "Ich konnte mich nicht abgrenzen, habe Beschwerden persönlich genommen."


Nähe-Distanz heißt das Feld, auf dem Sandra noch viel Arbeit vor sich hat. Sie ist seit zwei Jahren Single und - wie sie selbst sagt - nicht bereit für eine neue Beziehung. "Nähe zuzulassen, ist unheimlich schwer. Ich glaube, ich bin besser dran, wenn ich alleine bleibe." Auf einmal war sie da, die Angst, sagt sie: "Sogar wenn mir ein Bekannter nur über den Arm gefahren ist, bin ich beinahe ausgerastet." Die Therapie in Frankfurt half ihr dabei: Zwei Teilnehmer gingen aufeinander zu und versuchten, die Grenze des Gegenüber zu erspüren. Und wenn einer dem anderen zu nahe kam, gab es eine rote Karte. "Durch das Spiel hab ich das Ganze wieder ein bisschen besser in den Griff bekommen - seit ich in der Klinik war, ist es auch besser." Aber eins ist Sandra trotzdem klar: "Abgeschlossen habe ich das Ganze noch nicht und ich weiß auch nicht, ob ich das jemals irgendwie abschließen kann. Noch heute kommen mir neue Erinnerungen in den Kopf." Doch sie will weiter ihren Weg gehen - in der Öffentlichkeit. Denn, so steht es auf ihrer Homepage: Mit den Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du auch was Schönes bauen.

Ein langer schwerer Weg
Kurz nach ihrem 18. Geburtstag wurde Sandra sich langsam über die Zusammenhänge klar, die Erinnerung setzte sich Stück für Stück zusammen. Sie bekam Depressionen und unternahm mehrere Selbstmordversuche. Dann offenbarte Sandra sich zunächst ihrer Schwester, erst zwei Jahre später brachte sie den Mut auf, ihren Eltern einen Brief zu schreiben. Und wandte sich dann an den Verein Nele.

Er ist erste Anlaufstelle für Mädchen, die missbraucht worden sind und registrierte im Jahr 2002 269 Fälle aus dem ganzen Saarland - etwa die Hälfte davon aus dem Stadtverband.Die Zuständigen dort verwiesen Sandra weiter an das Landeskriminalamt in Saarbrücken. Sie rief dort an und schilderte ihren Fall, bekam einen Termin - an Valentinstag. Dort machte sie ihre Aussage bei einer Beamtin, die speziell für Missbrauchs-Fälle zuständig war..

"Das war sehr anstrengend, aber irgendwo doch in Ordnung, weil die Beamtin dort sehr auf mich eingegangen sind", resümiert Sandra. Zwischen der Anzeige und der ersten Gerichtsverhandlung lag über ein Jahr: "Am 14. Februar 2000 habe ich die Anzeige gemacht und am 15. Mai im Jahr darauf war dann die erste Gerichtsverhandlung." Die Berufungsverhandlung war am 26. Oktober 2001.
Sandra´s Therapien

Seit dem Jahr 2000 besucht Sandra einmal in der Woche eine so genannte Verhaltenstherapie. Diese läuft allerdings bald aus, da die Krankenkasse nur eine begrenzte Anzahl an Stunden bezahlt - im Normalfall 80, in Sandras Fall waren es 100. Diese Stundenzahl, erklärt Therapeutin Marie-Theres Barth, seien am untersten Limit. Denn wöchentliche Sitzungen seien wichtig, 14-tägig könne man nur schwer Verhaltens-Änderungen erreichen.

Im Rahmen von Verhaltenstherapie-Sitzungen analysiert die Therapeutin, welches problematische Verhalten der Patient ändern kann. Dabei werden Rollenspiele gemacht und fehlende Verhaltensmuster trainiert. Außerdem diskutiert die Therapeutin viel mit den Patienten. Der Schritt nach außen, sagt Barth, könne sehr positiv sein, denn er habe viel mit Selbstachtung zu tun: "Der Patient kommt aus dem Schweigen heraus und sagt, was er denkt, bleibt nicht in der Opferrolle."

Um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, hat Sandra außerdem eine stationäre Therapie in einer Klinik absolviert, die ebenfalls ihre Krankenkasse gezahlt hat. "Dort war ich abgeschirmt und konnte mich auf mich selbst konzentrieren", erklärt Sandra. "Ich wusste einfach, es ist noch zu viel zu bearbeiten und wollte noch Therapie machen." Sollte die Krankenkasse einer weiteren Bezahlung nicht zustimmen, könnte Sandra die wöchentlichen Therapie-Stunden auch aus eigener Tasche zahlen - bei 70 Euro pro Sitzung ist das allerdings fast unmöglich, während sie eine Umschulung absolviert.


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