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Sexueller Missbrauch innerhalb der Familie

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen innerhalb der Familie ist fast nie ein einmaliges oder „zufälliges“ Ereignis, sondern ein Problem, von dem alle Familienmitglieder in unterschiedlicher Art und Weise betroffen sind. In der Regel entwickelt sich das Missbrauchsgeschehen in einem über Jahre dauernden Prozess und ist Ausdruck von tiefen Konflikten in der Familie, die von allen und vor allen anderen geheimgehalten werden.

Nach außen zeigen viele dieser Familien keine besonderen Merkmale. Sie unterscheiden sich weder in ihrer kulturellen, noch in ihrer Schicht- und Religionszugehörigkeit von den Familien, in denen sexueller Missbrauch nicht vorkommt.

Anders ist es mit der inneren Struktur der Missbrauchsfamilie. Hier werden die Generationsschranken und die persönlichen und sexuellen Grenzen der Kinder und Jugendlichen massiv verletzt. Diese Verwischung der Grenzen zeigt sich z. B. auch darin, dass den Kindern keine persönlichen Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und ihre Privatsphäre nicht respektiert wird. Wenn überhaupt Grenzen vorhanden sind, dann ist es die Grenze gegenüber der vermeintlich „feindlichen“ Außenwelt, gegen die sich alle Familienmitglieder zusammenschließen müssen. Versuche, aus dem Familiensystem auszubrechen, werden weitestgehend unterdrückt und mit Schuldzuschreibungen geahndet.

Einige dieser Familien gleichen einer Festung, die ihren Bestand durch eine hohe Loyalitätsverpflichtung und ein rigides Moralsystem zu sichern sucht. Der einzig erlaubte Kontakt der Kinder zur Außenwelt ist der zur Schule, in die sie manchmal richtiggehend flüchten, deren Anforderungen sie oft aber nicht bewältigen können. Auch dort werden sie von den Gedanken an das Geschehen in der Familie verfolgt: „Was erwartet mich, wenn ich nach Hause komme?“

Die unentwegte innere Beschäftigung der missbrauchten Kinder mit ihren Familien, ihre ständige Sorge um Ruhe und Frieden ist ein deutliches Anzeichen für die Störung in den Beziehungen. Die Aufgaben und Rollen werden zwischen den Eltern und Kindern vertauscht:

In einigen Familien übernimmt z. B. die älteste Tochter dann nicht nur die Rolle als „Sexualpartnerin“ für ihren Vater, sondern auch die gesamte Haushaltsführung und die Sorge für die jüngeren Geschwister. In diesem Fall fühlt sich das Mädchen dann auch für die gesamte Atmosphäre in der Familie verantwortlich. Sie „begreift“ es als ihre Aufgabe, die Mutter z. B. vor den Wutausbrüchen oder jüngere Geschwister vor sexuellen Übergriffen des Vaters zu schützen sowie ihn in der von ihm gewünschten Art zu besänftigen.Trotz der Bemühungen dieser Kinder, die Anforderungen zu erfüllen, bleibt ihnen die gewünschte Anerkennung von ihren Eltern versagt und sie erleben an anderer Stelle ihre (strukturelle) Abhängigkeit und Ohnmacht. Ohne verständnisvolle Hilfe von außen bleiben sie im Missbrauchsgeschehen verfangen.

Es fällt ihnen schwer, ihre tatsächlichen Bedürfnisse wahrzunehmen und in der Familie eigene Wünsche und Lebensperspektiven zu entwickeln. Die Verantwortung, die diese Eltern ihren Kindern aufbürden, verpflichtet sie nicht nur, stillzuhalten und das Geheimnis zu wahren, weil sonst eine Auflösung der Familie droht; sie sollen vielmehr in einem ganz umfassenden Sinn die Familie „bemuttern“. Die Ursachen für diese Rollenkonfusion liegen bei beiden Eltern, die weder die Ehepartner- noch die Elternrolle adäquat ausfüllen können. Es sind häufig unreife Erwachsene, die außerstande sind, Verantwortung für sich und die Kinder zu übernehmen. Ihre meist unbewussten Forderungen an die Kinder, dass diese Elternfunktionen übernehmen, begründen sich in ihrer eigenen emotionalen Bedürftigkeit nach elterlicher Zuwendung.

Dem nicht erwachsenen, unreifen Verhalten der Eltern als wesentlichem Element für die Entstehung von sexuellem Missbrauch in der Familie liegen wiederum in der Regel weit zurückliegende traumatische Erfahrungen zugrunde.

Auch wenn das Wissen um die Tradierung von Problemen über Generationen hinweg (Grosseltern/Eltern/Kind) immer noch begrenzt ist, hat sich doch gezeigt, dass Erwachsene, die missbrauchen oder den Missbrauch zulassen, häufig selbst als Kinder misshandelt und/oder missbraucht wurden. Aufgrund dieser Erfahrungen konnten sie nicht die Fähigkeit entwickeln, im Erwachsenenalter reife sexuelle Beziehungen aufzubauen und die Rollen als Eltern verantwortungsvoll zu übernehmen. Darüber hinaus haben vielfach sowohl Vater als auch Mutter in ihren Herkunftsfamilien schmerzliche Trennungen von den Eltern oder der Familie erlebt und in der Folge unbewusste Trennungsängste aufgebaut. Sie sind daher außerstande, sich Konflikten zu stellen und sich aus einer problematischen Beziehung gegebenenfalls zu lösen. Einem drohenden Auseinanderbrechen der Familie versuchen sie mit allen Mitteln entgegenzuwirken. Der sexuelle Missbrauch und die Notwendigkeit seiner Geheimhaltung hat dann die Funktion, die anstehenden Familienkonflikte zu vermeiden oder zu regulieren, die Familie zu stabilisieren und den Ausbruch eines Mitglieds aus der Familie zu verhindern.

Manifester sexueller Missbrauch eines oder auch mehrerer Kinder durch den Vater beginnt in einigen Fällen während der völligen oder vorübergehenden Abwesenheit der Mutter (Krankenhausaufenthalt, Kur etc.). Väter können in diesen Situationen versuchen, mit Hilfe der sexuellen Handlungen eigene bedrohliche Gefühle von Verlassenheit zu betäuben. Das sich ebenfalls verlassen fühlende Kind ist dann meist nicht in der Lage, sich gegen solche Übergriffe zu wehren oder Hilfe zu finden.

Erst wenn man diesen Hintergrund miteinbezieht, wird verständlich, dass die Offenlegung des Missbrauchs den inneren Zusammenhang der Familie existentiell infrage stellt - unabhängig von den möglichen äusseren, sozialen Folgen und über diese hinausgehend.

Ein weiteres Trauma der Eltern in ihrer frühen Kindheit liegt fast immer in früher emotionaler Vernachlässigung oder Zurückweisung. Die Väter in den Herkunftsfamilien waren entweder nicht präsent oder autoritär. In der Regel waren sie auch nicht in der Lage, entstandene Lücken auszugleichen und auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen und stellten daher nur ein defizitäres und wenig nachahmenswertes Modell für die Kinder dar. Dennoch werden oft nicht sie, sondern die Mütter für den emotionalen Mangel verantwortlich gemacht. Diese lebensgeschichtlichen Erfahrungen beider Elternteile bestimmen ihre spätere Partnerwahl, die nicht auf eine gleichberechtigte Beziehung ausgerichtet ist, sondern der Kompensation der frühkindlichen Entbehrungen dient. Es wird nicht ein Partner, sondern eine „gute Mutter“ oder ein „guter Vater“ gesucht, der alles das geben soll, was in der Kindheit vermisst worden ist. Diese kindlichen Erwartungen an die Partner können zu erheblichen Enttäuschungen führen. Es kann zu versteckten oder offenen gegenseitigen Aggressionen und in der Folge zur rücksichtslosen Inanspruchnahme der schwächsten Familienmitglieder kommen.

Obwohl Männer, Väter, die ihre Kinder sexuell missbrauchen, innerhalb der Familie oftmals tyrannisch herrschen, sind sie meist eher unsichere, schwache Persönlichkeiten, die sehr darum bemüht sind, ihre innere Bedürftigkeit hinter einer Fassade der Stärke zu verdecken. Häufig fühlen sie sich als „Opfer der Umstände“, durch die sie - gewissermassen ohne eigenes Zutun - in die Missbrauchshandlungen verstrickt worden sind. So kann es bis hin zur überzeugten Leugnung kommen, dass der sexuelle Missbrauch überhaupt stattfindet oder stattgefunden hat, und die Verantwortlichkeit wird insofern folgerichtig dem Kind zugeschoben. Nur in einem Teil der Fälle sind Missbraucher bereit, dem Kind bzw. der Familie offen ihre sexuellen Handlungen einzugestehen und die volle Verantwortung dafür zu übernehmen.(3)

Viele der Mütter sexuell missbrauchter Kinder haben in ihrer eigenen Kindheit emotionale Vernachlässigung, Misshandlung oder andere Schädigungen erlebt. Sie haben daher oft nur ein geringes Selbstwertgefühl, fühlen sich abhängig und leiden unter Ängsten und Unsicherheiten. Einigen ist es nicht möglich, ihren Kindern emotionale Nähe entgegenzubringen. Aufgrund eigener negativer Erfahrungen empfinden einige Frauen Sexualität als abstoßend. Diese fühlen sich erleichtert, wenn ihr Ehemann sie eher in „Ruhe“ lässt. Auf eine Offenlegung des Missbrauchs durch ihre Tochter oder den Sohn reagieren sie entweder mit Sprachlosigkeit, fühlen sich in der Situation hilflos und nehmen ein Herunterspielen des Geschehenen oder eine Leugnung ihres Partners gern an. Eigene Schuldgefühle können so erst einmal leichter abgewehrt werden.

Nach den bisherigen Erkenntnissen sind es überwiegend die Männer/Väter der Familie, die Mädchen sexuell missbrauchen. Allerdings ist der Anteil des Vater-Sohn-Inzests ebenfalls ein ernstzunehmendes Problem. Manifester sexueller Missbrauch durch eine Frau/Mutter wird bisher in weit geringerem Mass(4) bekannt. Frauen treten allerdings in Familien teilweise als Mittäterinnen in Erscheinung. Über Formen latent missbräuchlichen Verhaltens von Müttern wird von erwachsenen Männern jedoch in letzter Zeit häufiger berichtet.

Wenn es um die Bedingungen geht, die zu sexuellem Missbrauch führen können, wagen es Forscherinnen und Forscher auf dem gegenwärtigen Erkenntnisstand der Wissenschaft kaum, nur einen Faktor als Ursache zu benennen.

Finkelhor (1984) entwickelte ein 4-Faktoren-Modell, das den Versuch unternimmt, unterschiedliche theoretische Modelle zusammenzufassen:

  • Faktoren, die eine Prädisposition für Gewalt darstellen:
    Diese beinhalten biologische, psychopathologische und lerntheoretische Erklärungsmodelle.
  • Faktoren, die interne Hemmschwellen zur Gewaltausübung vermindern oder beseitigen: Diese beinhalten kulturelle Werte, Einstellungen und Überzeugungen.
  • Faktoren, die unzureichende intervenierende gesellschaftliche Kontrollinstanzen, Machtunterschiede zwischen Geschlechtern und Generationen sowie eine patriarchal gefärbte Gewaltkultur beinhalten.
  • Faktoren, die die Möglichkeiten des Widerstandes gegen Gewalt darstellen:
    Diese beinhalten sozialisationstheoretische Erklärungsmodelle.

Es gibt sehr unterschiedliche theoretische Modelle, die den Versuch unternehmen, die Entstehung von sexueller Gewalt zu erklären. Ohne an dieser Stelle den zuweilen äusserst kontrovers geführten wissenschaftlichen Diskurs wiederzugeben, sollen im Folgenden einige Aspekte anerkannter Modelle aufgeführt werden. Die Darstellung ist sehr verkürzt und erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit; viel eher kann sie zum Weiterstudium anregen.

Die Reihenfolge der vorgestellten Modelle ist alphabetisch vorgenommen worden.

1. Feministische Ansätze

Feministische Forscherinnen betrachten patriarchale Machtstrukturen der Gesellschaft als zentrale Ursache für die Gewalt gegen Frauen und Kinder. Diese Strukturen finden ihren Ausdruck in der hierarchischen Organisation sozialer Institutionen und Beziehungen.
Die Modelle diskutieren die Verknüpfung von Macht und Geschlecht, die Funktion und Struktur der sozialen Institution Familie, die Erfahrungen der betroffenen Frauen und die Parteinahme für Frauen.
Feministische Forscherinnen machten deutlich, dass das Geschlechterverhältnis sowie die ökonomische und soziale Struktur unserer Gesellschaft durch Abwertung, Unterwerfung und Ausbeutung von Frauen geprägt ist.

2. Kulturtheoretische Ansätze

Wenn wir Kultur als die Inhalte und Gebäude des Denkens verstehen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, dann entstehen daraus Werte, Normen, Verhaltensweisen und Ideen.
Sexuelle Gewalt kann im Rahmen dieses theoretischen Kontextes ggf. auf der Grundlage von kindlicher Beobachtung und Erfahrung entstehen.
Ein anderer Aspekt des kulturtheoretischen Modells beinhaltet, dass Gewalt im sozialen Nahbereich zur Aufrechterhaltung von unterdrückenden Strukturen eingesetzt werden kann, wenn sie den Grundwerten einer Gesellschaft entspricht.
Sexuelle Gewalt spiegelt auf diese Weise die allgemeine Gewalt in der Gesellschaft wider.

3. Psychoanalyse

Ausgegangen wird von psychodynamischen Prozessen, die frühe Kindheitserfahrungen dafür verantwortlich machen, dass feindselige Gefühle gegen andere Menschen entwickelt werden.
Nach Freud sind die Verarbeitung der ödipalen bzw. elektralen Phase der zentrale Faktor für oder gegen kriminelles Handeln, also auch für oder gegen die Entwicklung von Gewalt gegen sich und andere.

4. Soziale Kontrolltheorien

Gewalttätiges Verhalten ist nach den Vorstellungen der Kontrolltheorie Teil der menschlichen Art. Gewalt wird mit dem Ziel eingesetzt, Kontrolle und Macht über Mitmenschen zu erlangen. Kontrolle wird somit zum Motiv der Gewalt.
Sie kann aber, so meinen die AnhängerInnen dieses Modells, durch soziale Kontrollinstanzen verhindert oder eingeschränkt werden. Fehlende soziale Kontrollen unterstützen demnach die Möglichkeit, Gewalt über andere auszuüben.

5. Soziale Lerntheorien

In einem Interaktionsprozess mit unterschiedlichen Personen werden geschlechtsspezifische Rollen vermittelt und erlernt. Diese Prozesse finden in der Familie, in öffentlichen Einrichtungen sowie in „Peer𔄚 gruppen statt.
Soziales Verhalten als Lernprozess wird im Wissenschaftsdiskurs allgemein akzeptiert. Als Erklärungsmodell für die Entstehung von sexueller Gewalt sind soziale Lerntheorien eine wichtige Ergänzung für andere Modelle.

6. Sozialstrukturelle Ansätze

Dieses Erklärungsmodell geht davon aus, dass mit der Zunahme von belastenden Ereignissen und Situationen eine erhöhte Gewaltbereitschaft in der Familie einhergeht.

Kinder sind wegen ihrer gefühlsmässigen und sozialen Abhängigkeit den Forderungen und Wünschen der Eltern ausgesetzt. Sie brauchen die Eltern, denn wer sonst sollte sich um sie kümmern, für sie Sorge tragen und ihnen das Lebensnotwendige bieten. Ohne die Eltern glaubt das Kind, nicht überleben zu können. Selbst wenn die Eltern sich schädigend verhalten,wird es ihnen keine bösen Absichten unterstellen, denn es sucht die Ursache bei sich selbst. Es schämt sich für sich selbst, für die Familie und für den Missbraucher. Es opfert sich, um die Intaktheit seiner Familie zu retten. Auffallend ist z. B., dass viele missbrauchte Töchter ihre Mütter, von denen sie doch Schutz und Hilfe bekommen sollten, selbst bemuttern, sie versorgen und beschützen, wenn der Mann sie misshandeln will. Die Sorge für die Mutter überdeckt aber auch die eigene Ambivalenz, die Liebe zur Mutter, wie auch den Hass, die Wut und die Enttäuschung, von der Mutter alleingelassen zu werden. In vielen Fällen von sexuellem Missbrauch der Tochter durch den Vater ist gleichzeitig eine tiefe Störung in der Beziehung des Mädchens zu seiner Mutter zu beobachten.

In dem Bemühen, den sexuellen Missbrauch psychisch zu überleben, identifiziert sich das Kind mit dem Aggressor, selbst - oder gerade auch - wenn körperliche Gewalt beteiligt ist: Es übernimmt die vom Missbraucher verleugnete Verantwortung für die sexuellen Handlungen und glaubt, dass es selbst den Missbrauch auf irgendeine Weise herbeigeführt haben muss.

Nach dem bisherigen Kenntnisstand sind Mädchen in einem grösseren Ausmass von sexuellem Missbrauch betroffen, aber auch Jungen können Opfer sexuellen Vergehens werden, obgleich es ihnen schwerfällt, sich als solche zu begreifen. Aufgrund ihrer Sozialisation ist es ihnen kaum möglich, sich selbst Scham, Ekel, Schmerz und Ohnmachtsgefühle gegenüber dem Missbraucher einzugestehen. Sie versuchen, ihre Erfahrungen als Nichtigkeit abzutun oder in ein besonderes Privileg umzudeuten. Es kann zu übersteigert aggressivem Verhalten, besonders auch gegenüber Mädchen kommen, sowohl um die erfahrene Hilflosigkeit auszugleichen als auch um sich als „besonders männlich“ darzustellen.

So sollen auch eventuelle Ängste, durch die sexuellen Handlungen mit einem Mann „schwul“ geworden zu sein, beschwichtigt werden. Verhalten sich missbrauchte Jungen eher passiv, haben sie meist grosse Schuldgefühle und berichten aus diesem Grund noch seltener als die Mädchen über den Missbrauch. Sexuell missbrauchte Jungen nehmen nur selten Hilfe in Anspruch, da sie kaum gelernt haben, ihre Gefühle auszudrücken. Sie schämen sich, weil sie annehmen, es würde von ihnen erwartet, dass sie sich selbst helfen.

Für sexuell missbrauchte Mädchen und Jungen gleichermassen gilt, dass sie neben ihren Gefühlen der Scham, Wut, Verzweiflung und Enttäuschung meist auch positive emotionale Beziehungen zu den sie missbrauchenden Erwachsenen haben. Die Kinder wollen, dass der Missbrauch aufhört, aber sie wollen genauso auch Eltern, Väter und Mütter behalten. Häufig ist die Beziehung zum Missbraucher für sie die intensivste emotionale Erfahrung innerhalb der Familie, wenn nicht sogar ihre einzige. Wird nun der sexuelle Missbrauch aufgedeckt und öffentlich gemacht, so zeigen sich deutlich die ambivalenten Gefühle der Kinder: Sie wünschen sich einerseits Schutz und Distanz und möchten andererseits dennoch ihre liebevollen Gefühle für die Familie bewahren und die Beziehungen zu ihr nicht abbrechen.

Die jahrelange Erfahrung sexuellen Missbrauchs in der Familie ist prägend für den weiteren Lebensweg. Kinder und Jugendliche, die sexuell missbraucht wurden, unterliegen einer hohen Gefährdung, ihr Schicksal in allen Lebenssituationen zu wiederholen. Frauen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden und ihre Erfahrungen für sich selbst nicht bearbeiten konnten, sind oft nicht in der Lage, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen, geschweige denn, sie vor Missbrauch zu schützen. Männer, die in ihrer Kindheit selbst missbraucht wurden oder den Missbrauch der Väter miterlebten, können selbst zum Missbraucher werden.

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung der Senatsverwaltung Berlin zur Verfügung gestellt.